Besondere Aufmerksamkeit in Sachen ICT-Sourcing kommt gegenwärtig dem Cloud Computing zu. Damit ist die Möglichkeit beschrieben, ICT-Leistungen nicht zu kaufen, sondern bedarfs- und fallweise über Netze (z. B. das Internet oder auch ein Firmennetzwerk) zu mieten. Bei den betreffenden ICT-Leistungen kann es sich um Software handeln (SaaS – Software as a Service), um Plattformen für die Entwicklung und den Betrieb von Anwendungen (PaaS – Platform as a Service) oder auch um Basis-Infrastruktur, also zum Beispiel Speicherplatz (IaaS – Infrastructure as a Service). Eine eindeutige und allgemein anerkannte Definition des Cloud Computing hat sich in der ICT-Branche bislang noch nicht etabliert. Als maßgebend lassen sich jedoch folgende Punkte festhalten:10,11
- Verträge mit kurzer Laufzeit: Cloud Computing kann Zeiträume von einzelnen Stunden, Tagen oder Wochen umfassen, wohingegen im klassischen Outsourcing Verträge mit Laufzeiten von Monaten oder Jahren die Regel sind.
- On-Demand-Verfügbarkeit: ICT-Infrastruktur und Software können (nahezu) in Echtzeit skaliert werden.
- Keine Vorabinvestitionen: Kapital- und Installationskosten gehen in den Nutzungsgebühren auf.
- Abrechnung nach Verbrauch.
Zu den wichtigen Akteuren auf dem Markt des Cloud Computing zählen beispielsweise die Anbieter von Software as a Service, Outsourcing- und Hosting-Provider, aber auch Netz- und ICT-Infrastrukturanbieter.
Cloud Computing ist also eine Lösung, die es Nutzern erlaubt, angebotene Leistungen nach Bedarf in Anspruch zu nehmen und verbrauchsabhängig zu bezahlen. Weil nach effektiver Nutzung abgerechnet wird, werden aus langfristig fixen Investitionen variable Kosten. Für ICT-Entscheider bietet das Cloud Computing damit einen Weg, Kosten einzusparen und ICTRessourcen flexibel dem Geschäftsverlauf anzupassen. Positive Effekte können auch in der Verbesserung der Kostenstrukturen (durch die Variabilisierung der Kosten für ICT und die Vermeidung von Kapitalbindung), dem Ausschöpfen von Produktivitätspotenzialen oder einem rascheren und flexibleren Zugang zu neuen Technologien liegen. ICT-Abteilungen und –Verantwortliche erhalten zudem gegebenenfalls mehr Freiräume, um sich verstärkt ihren Kernaufgaben und strategischen Themen widmen zu können.
Mit Cloud Computing zeichnet sich in der Informationstechnologie eine grundlegende Veränderung ab, davon ist der Hightech-Verband BITKOM überzeugt. „Cloud Computing wird die Informationswirtschaft, ihre Technologien und ihre Geschäftsmodelle nachhaltig verändern“, sagt BITKOM-Präsident Professor August-Wilhelm Scheer. In weniger als zehn Jahren werden viele Unternehmen ohne hausinterne IT und Rechenzentren auskommen, so Scheer. Dann werden fast alle Unternehmen Cloud Computing nutzen – zumindest ergänzend.12 Fallende Verbindungskosten und steigende Datenübertragungsraten kommen dem Cloud Computing dabei entgegen.
Auch die Experten des Thinks Tanks gehen von einer deutlich zunehmenden Bedeutung und einer hohen künftigen Durchdringungsrate des Cloud Computing aus. „Der Trend geht eindeutig zu einer verstärkten Nutzung der externen Cloud“, so formulierte es Professor Arnold Picot im Rahmen des Workshops.
„Viele Anwendungen werden in Zukunft aus der externen Cloud bezogen werden wie heute der Strom aus der Steckdose.“
Professor Arnold Picot, Ludwig-Maximilians-Universität München
Wie aber beurteilen Verantwortliche in den Unternehmen und Anwender das Cloud Computing? Im Rahmen der Studie LIFE 2 wurden ICT-Entscheider, Anwender von ICT und Konsumenten auch zum Thema Cloud Computing befragt.
Hohe Bedeutung des Cloud Computing
Es zeigt sich, dass Cloud Computing im Unternehmensalltag ein hoch relevantes Thema ist. Insgesamt sind knapp 17 Prozent der 1.559 befragten ICT-Entscheider davon überzeugt, dass Cloud Computing bereits heute ein wichtiges Thema für viele Unternehmen ist. In den USA sind sogar 27 Prozent der ICT-Entscheider dieser Meinung. Knapp die Hälfte der befragten ICT-Entscheider (46%) glaubt, dass sich das Cloud Computing bereits innerhalb der kommenden zwei bis fünf Jahre am Markt etablieren wird. Weitere 18 Prozent rechnen mit einem Durchbruch in mehr als fünf Jahren. Lediglich 4 Prozent der ICT-Entscheider in den Unternehmen sehen im Cloud Computing ein Hype-Thema, das sich nicht durchsetzen wird.
Insgesamt sind also rund 81 Prozent der ICTEntscheider der Ansicht, dass Cloud Computing sich am Markt etablieren wird. Von ihnen nimmt jeder Zweite (51%) an, dass Cloud Computing sich künftig als dominierende Sourcing-Variante für ICT durchsetzen wird. Weitere 10 Prozent können sich vorstellen, dass viele Unternehmen überhaupt keine eigene ICT mehr vorhalten werden, sondern ihre ICT-Nutzung komplett auf Cloud Computing umstellen werden. 39 Prozent sehen ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Cloud Computing und klassischem ICT-Sourcing (siehe Abbildung 4-3).
Vorteile und Risiken des Cloud Computing
Den größten Vorteil des Cloud Computing sehen die ICT-Entscheider in den Kosteneinsparungen, die sich durch eine bedarfsgerechte Abrechnung ergeben (60%). In den USA geben sogar ganze 70 Prozent der Befragten an, dass Kosteneinsparungen einen entscheidenden bzw. sehr wichtigen Grund für ein Cloud Computing darstellen. Dazu passt auch, dass sieben von zehn ICT-Entscheidern (71%) der Ansicht sind, dass Unternehmen in Zukunft vermehrt versuchen werden, die Fixkosten für ihre IT gering zu halten.
„Cloud Computing kann eine große Rolle bei Kosteneinsparungen spielen.“
Matthias Roggendorf, Associate Partner, McKinsey
Ebenfalls einen gewichtigen Grund bei der Entscheidung für ein Cloud Computing liefert der schnellere Zugang zu neuen Technologien – 59 Prozent der ICT-Entscheider sehen dies als entscheidend oder sehr wichtig an. Für die ICT-Entscheider in Deutschland liegt in diesem Aspekt sogar der größte Vorteil des Cloud Computing: Der schnellere Zugang zu neuen Technologien ist für sie noch wichtiger als die Kosteneinsparungen, die durch das Cloud Computing zu erzielen sind.
Jeweils mehr als die Hälfte der Befragten sehen entscheidende bzw. sehr wichtige Vorteile des Cloud Computing auch in der besseren Risikoabsicherung und der bedarfsgerechten Anpassung der Kapazitäten (jeweils 55% Nennungen in den Top 2 Boxes), in der höheren Energieeffizienz und geringeren Kapitalbindung (je 53%). Genauso wichtig ist es aus Sicht der ICT-Entscheider, dass die internen IT-Fachleute sich vermehrt strategischen Themen widmen können, wenn durch das Cloud Computing Personalkapazitäten frei werden.
Bei allen wahrgenommenen Vorteilen sehen die ICT-Entscheider jedoch auch gewisse Risiken im Cloud Computing. Diese betreffen in erster Linie das Thema Sicherheit in seinen verschiedenen Facetten: Nach wie vor befürchten viele CIOs Sicherheitslücken beim Cloud Computing. Jeder zweite ICT-Entscheider gibt Sicherheitsbedenken als eines der drei größten Risiken der Cloud an (52%). Als ebenfalls potenziell negativ werden der Verlust der Kontrolle über Daten und Systeme (44%) und Datenschutzprobleme (38%) beurteilt. Letztere betreffen zum Beispiel die Frage nach dem geografischen Standort des Servers, wenn etwa sensible Daten aus rechtlichen Gründen die Landesgrenzen nicht überschreiten dürfen. Schließlich ist beim Cloud Computing nicht immer ganz klar, wo – d. h. in welchemRechenzentrum – sich die Daten jeweils befinden und ob Dritte aufgrund einer landesspezifischen Gesetzgebung eventuell Zugriff auf die Unternehmensdaten haben könnten. Professor Claudia Loebbecke von der Universität zu Köln gibt in Sachen Sicherheit aber auch zu bedenken: „Anbieter der externen Cloud bieten gegebenenfalls höhere Sicherheitsstandards als ICT – nutzende Unternehmen selbst.“
Weniger problematisch scheint das Verhältnis von standardisierten Angeboten und individuellen Bedürfnissen: Nur jeder fünfte Befragte (21%) erkennt hierin ein mögliches Risiko. Auch die Experten des Think Tank sehen in einer gewissen Standardisierung der ICT kein Problem. Christophe Châlons, Chief Analyst der PAC Group: „Nur 20 Prozent der Unternehmen differenzieren sich positiv über ICT. Für die anderen 80 Prozent der Unternehmen ist ICT-Outsourcing sehr attraktiv.“ Und Professor Arnold Picot fügt hinzu: „Die Anwendungsmodule einer externen Cloud können hochindividuell kombiniert werden.“
Heutige und künftige Nutzung
Cloud Computing ist ein Bereich, der sich durch ein besonders großes Wachstumspotenzial auszeichnet. Denn einerseits geben nur 28 Prozent der befragten ICT-Entscheider an, dass in ihrem Unternehmen heute bereits Cloud Computing genutzt wird. Gleichzeitig sind aber 58 Prozent der Entscheider der festen Überzeugung, dass Cloud Computing in ihrem Unternehmen künftig (sehr) hohe Bedeutung haben wird. Für Deutschland bedeutet dies, dass in den kommenden fünf Jahren mehr als 550 Unternehmen über 1.000 Mitarbeiter neu auf die Cloud setzen könnten. In Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien und den USA ergibt sich insgesamt ein Potenzial von über 5.100 zusätzlichen Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern, die in Zukunft Cloud Computing nutzen wollen.13

Das erhebliche künftige Potenzial des Cloud Computing verdeutlichen auch die Ergebnisse der Clusteranalyse der ICT-Entscheider: Cloud Computing ist demnach heute vor allem bei den Vorreitern im Einsatz. Die Aufgeschlossenen – mit rund 43 Prozent das mit Abstand größte Segment – setzen bisher dagegen noch kaum auf die Cloud. 12 Prozent der Aufgeschlossenen bezeichnen die heutige Bedeutung des Cloud Computing für ihr Unternehmen als gering, 88 Prozent als eher gering. Zugleich sind aber knapp zwei Drittel (65%) der Aufgeschlossenen davon überzeugt, dass die Bedeutung des Cloud Computing für ihr Unternehmen in fünf Jahren (sehr) hoch sein wird. Dieses Ergebnis legt nahe, dass es gerade das Segment der Aufgeschlossenen ist, das den vermehrten Einsatz der Cloud vorantreiben wird.
Im Praxistest scheint sich Cloud Computing zu beweisen: Drei Viertel der ICT-Entscheider, in deren Unternehmen Cloud Computing heute bereits zur Anwendung kommt (75%), geben an, dass dieses Thema im Unternehmen sehr hohen oder hohen Stellenwert hat. 77% von ihnen gehen dann auch davon aus, dass sich die Investitionen in das Cloud Computing in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr „deutlich“ oder „etwas“ erhöhen werden. 22 Prozent gehen von gleichbleibenden Investitionen im Bereich Cloud Computing aus, mit einem Rückgang der Investitionen im Vergleich zum Vorjahr rechnet nur ein Prozent der Befragten.
Das größte Potenzial für eine Cloud-basierte Umsetzung in ihrem Unternehmen sehen die Entscheider im Bereich Rechnerkapazität und Speicherlösungen (44% bzw. 48% Nennungen). Etwa jeder Dritte sieht Potenzial für die Cloud-basierte Umsetzung von E-Mail-Anwendungen (36%), Management-Informationssystemen (34%) und Standard-Office-Anwendungen (33%). Jeder Fünfte (20%) erkennt großes Potenzial im Bereich Entwicklungsplattformen – in Spanien und Frankreich kann sich sogar jeder vierte Befragte Entwicklungsplattformen in der Cloud vorstellen (26% bzw. 24%).
Was die Form der Umsetzung des Cloud Computing angeht, so ist die Private Cloud, also die gemeinsame Nutzung von IT-Ressourcen innerhalb des Unternehmens, die favorisierte Variante der ICT-Entscheider (Erläuterungen zu den einzelnen Cloud-Varianten finden sich im Glossar). 59 Prozent der Befragten finden diese geschlossene Ausprägungsform des Cloud Computing sehr interessant oder interessant. An zweiter Stelle folgt die Virtual Private Cloud: Rund 57 Prozent der Befragten bekunden hier sehr hohes oder hohes Interesse. An dritter Stelle nennen die ICT-Entscheider die offene Variante der Public Cloud (53%), bei der eine standardisierte IT-Leistung über das Internet bezogen und bedarfsgerecht abgerechnet wird. Unter den deutschen ICT-Entscheidern ist dies (mit 54% Nennungen in den Top 2 Boxes) sogar die bevorzugte Variante des Cloud Computing, noch vor der Variante „Private Cloud“. Hybride Cloudansätze schließlich findet knapp jeder zweite Befragte interessant (49%).
Wenn es um die Auswahl eines Anbieters für Services aus dem Bereich Cloud Computing geht, so spielt für die Unternehmen vor allem die Sicherheit von Daten und Systemen, beispielsweise durch Zertifizierungen, Firewalls etc., eine Rolle. 70 Prozent der befragten ICT-Entscheider finden diesen Sicherheitsaspekt „entscheidend“ oder „sehr wichtig“ bei der Auswahl eines Anbieters. Der Kostenaspekt kommt an zweiter Stelle (68%), gefolgt von der physischen Sicherheit der Rechenzentren (z. B. über Twin-Core-Strategien) für die Absicherung im Falle von Unfällen oder Naturkatastrophen (62%).
Nutzung der Cloud durch die Konsumenten
Ob Webmail, Social Network oder ein im Internet bereitgestellter Videoclip: Das Cloud Computing hat längst auch unser Privatleben erfasst.14 Die privaten Nutzer sind durchaus aufgeschlossen für Cloud Services – sogar aufgeschlossener als die Unternehmen. Die Studie LIFE 2 zeigt, dass die Mehrheit der 1.336 befragten Konsumenten bereits Anwendungen auf Abruf über das Internet nutzt. Besonders beliebt sind dabei E-Mail-Funktionen (66%) und Unterhaltungssoftware (z. B. Spiele, 44%). Drei von zehn Konsumenten (31%) nutzen heute Bürosoftware (also z. B. Textverarbeitung oder Tabellenkalkulationen) aus der Cloud, ebenso viele geben an, Spezialsoftware wie beispielsweise Bildbearbeitungsprogramme webbasiert zu nutzen. 36 Prozent der Konsumenten archivieren Fotos oder Musik im Internet, und immerhin 29 Prozent sichern auch private Dokumente, Adressbücher und Back-ups im Internet. Von den Konsumenten, die solche Cloud Services heute noch nicht nutzen, können sich viele eine künftige Nutzung durchaus vorstellen. Besonders interessant für die Konsumenten: die Nutzung von Spezial- und Bürosoftware. 47 Prozent bzw. 46 Prozent der Konsumenten können sich eine künftige Nutzung solcher Angebote aus der Cloud vorstellen. 41 Prozent der Konsumenten sind offen für die Archivierung privater Dokumente im Internet (siehe Abbildung 4-4).
10 Craig-Wood, Kate (2009)
11 Roehrig, Paul (2009)
12 BITKOM (2010)
13 Eigene Hochrechnung auf Basis der Studienergebnisse
14 Eriksdotter, Holger (2008)


