„Informations- und Kommunikationstechnologien sind für die moderne Gesellschaft mindestens genauso wichtig und elementar wie beispielsweise das Strom oder Wassernetz. Ein Verzicht auf Informations- und Kommunikationstechnologien ist für unseren modernen Alltag mittlerweile schlicht undenkbar.“ So umreißt Professor Roman Beck die Bedeutung der ICT im Rahmen des Think Tanks, der den Auftakt zu dieser Studie bildete.
ICT ist Schlüssel- und Querschnittstechnologie, sie hilft den Unternehmen, Kosten zu senken, Prozesse zu verbessern, innovativer zu werden und die Leistung zu erhöhen. Überdies macht ICT die öffentliche Hand schlanker, schneller und bürgerfreundlicher. ICT verbessert die medizinische Versorgung, erhöht die Sicherheit und bringt mehr Lebensqualität – so umschreibt der Branchenverband BITKOM die Bedeutung der ICT.4
Aber wie sieht es aus, wenn man versucht, diese Aussagen einmal mit belastbaren Zahlen zu untermauern? Wie steht es wirklich um die volkswirtschaftliche Bedeutung der ICT?
Software, IT-Dienstleistungen und Telekommunikation sind Wachstumstreiber der deutschen Wirtschaft
Zunächst ist festzuhalten, dass sich die Software- und IT-Dienstleistungsbranche in Deutschland zu einem eigenständigen Wirtschaftsfaktor entwickelt hat, dessen Bruttowertschöpfung und Beschäftigung in den nächsten zwei Jahrzehnten erheblich steigen wird. Die ISI-Studie des Fraunhofer Instituts, die am 3. März 2010 anlässlich der CeBIT in Hannover präsentiert wurde, liefert hier deutliche Zahlen.5
Die Studie geht davon aus, dass der Branche bis 2030 ein Beschäftigungswachstum von 80 Prozent bevorsteht, was rund 452.000 neuen Arbeitsplätzen entspricht. Die Branche spielt zudem eine zentrale Rolle bei intelligenten Netzen und Technologien, mit der die Gesellschaft künftige Herausforderungen wie etwa den Klimawandel oder den demografischen Wandel bewältigen kann.
Trotzdem wird der Sektor als treibende Wirtschaftskraft und Querschnittsfunktion in der Standort- und Industriepolitik derzeit noch systematisch unterschätzt. In den letzten Jahren entwickelte sich die ICT-Branche in Deutschland besser als die Gesamtwirtschaft und verzeichnete neben einer steigenden Bruttowertschöpfung auch einen Anstieg bei Umsatz, Produktionsumfang und der Anzahl von Arbeitsplätzen. Im Jahr 2030 wird der Sektor in Deutschland eine Bruttowertschöpfung von jährlich 90 Milliarden Euro erwirtschaften. Zum Vergleich: Den Umsatz im Maschinenbau prognostizieren Experten von Prognos mit 100,8 Milliarden Euro, den im Fahrzeugbau mit 115,1 Milliarden Euro. Die in Deutschland aus volkswirtschaftlicher Sicht oftmals besonders beachteten Sektoren Maschinen- und Fahrzeugbau werden sich in den kommenden 15 bis 20 Jahren weniger dynamisch entwickeln, während die Software- und IT-Dienstleistungsbranche ihren Anteil an der Bruttowertschöpfung voraussichtlich verdoppeln wird.6
Die ICT-Branche hat aber nicht nur als eigenständiger Sektor eine direkte volkswirtschaftliche Bedeutung, sie trägt auch indirekt wesentlich zum Wachstum der Volkswirtschaft bei. So beeinflussen etwa moderne Kommunikationsnetze das Wirtschaftswachstum, indem sie die Verbreitung von Informationen und die Entwicklung und Adaption von Innovationen fördern. Aktuellen empirischen Untersuchungen zufolge liegt beispielsweise das Pro-Kopf-Einkommen in einem Land nach der Einführung von Breitbandinfrastruktur durchschnittlich um 2,7 bis 3,9 Prozent höher als vor der Einführung. Hinsichtlich der Verbreitung von Breitbandinfrastruktur zeigt sich, dass eine Erhöhung der Breitbandnutzerrate in der Bevölkerung um 10 Prozentpunkte das jährliche Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum um 0,9 bis 1,5 Prozentpunkte erhöht.7
Dieser indirekte Wachstumsbeitrag der ICT liegt wesentlich darin begründet, dass Software, IT- und Telekommunikationsdienstleistungen Querschnittstechnologien sind. Bereits heute hängen viele Industrieprodukte und Dienstleistungen mittelbar oder unmittelbar von ICT ab. Christophe Châlons, Chief Analyst der PAC Group und einer der Think-Tank-Teilnehmer, schätzt, dass der Anteil des ICT-Sektors am deutschen Bruttoinlandsprodukt bei rund 5 Prozent liegt. „Wenn auch durch ICT ermöglichte Innovationen berücksichtigt werden, liegt der Anteil der ICT am BIP jedoch eher bei 7 Prozent. Und wenn Embedded Systems, die ja maßgeblich zur Innovation beitragen, berücksichtigt werden, liegt der Anteil der ICT am BIP bei mehr als 7 Prozent.“
Professor Roman Beck, Goethe-Universität Frankfurt, bringt es im Think Tank so zum Ausdruck: „Selbst in vielen traditionellen Industriebereichen kann man heute schon von ‚digitaler Wertschöpfung‘ sprechen, da sich deren Geschäftsmodelle weiterentwickelt haben und nun ganz oder zumindest zu einem erheblichen Teil in digitalen Netzen stattfinden.“ Um die volkswirtschaftliche Bedeutung der ICT zu erfassen, muss man daher also auch betrachten, wie sie in anderen Sektoren als Enabler genutzt wird. Genau diesen Ansatz wählt die Studie LIFE 2 und erlaubt so eine Abschätzung des Beitrags, den ICT-basierte Lösungen und Technologien künftig zum Wachstum liefern können.
Ausgangspunkt bildet dabei zunächst die Frage an die ICT-Entscheider, um wie viel Prozent der Umsatz ihrer eigenen Industrie in den kommenden fünf Jahren ihrer Meinung nach allgemein wachsen wird. Die aus dieser Frage resultierenden Wachstumserwartungen werden um die zu erwartende Inflation bereinigt. Ergebnis dieses ersten Berechnungsschrittes sind damit reale, industriespezifische Wachstumserwartungen für die kommenden fünf Jahre.
Die ICT-Entscheider wurden zudem gefragt, welcher Anteil des Umsatzwachstums ihrer Meinung nach auf ICT-basierte Lösungen und Technologien zurückzuführen sein wird. Die Verknüpfung der Antworten auf diese Frage mit den industriespezifischen allgemeinen Wachstumserwartungen erlaubt es in einem zweiten Schritt, ICT-basierte Wachstumsraten für einzelne Sektoren zu ermitteln – also genau jenes Umsatzwachstum zu bestimmen, das in den kommenden fünf Jahren durch ICT-basierte Lösungen und Technologien bedingt sein wird.
Die Ergebnisse dieser Hochrechnung untermauern, dass ICTkünftig ein wesentlicher Wachstumsfaktor sein wird (siehe Abbildung 3-1). Die ICT-Entscheider des Automobilsektors beispielsweise erwarten in Deutschland in den kommenden 5 Jahren in ihrer Branche ein Umsatzwachstum von insgesamt 9,4 Prozent beziehungsweise durchschnittlich 1,8 Prozent pro Jahr. Sie gehen davon aus, dass ICT-basierte Lösungen und Technologien entscheidend zu diesem Umsatzplus beitragen werden. Aus ihrer Sicht wird die ICT in den nächsten fünf Jahren ein Umsatzwachstum von gesamthaft 2,8 Prozent beziehungsweise durchschnittlich knapp 0,6 Prozent jährlich ermöglichen. Für andere Industriesektoren zeichnen sich ebenfalls klare Wachstumsimpulse durch ICT-basierte Lösungen und Technologien ab. Im Bereich Energie- und Wasserversorgung erwarten die Entscheider beispielsweise, dass die ICT in Deutschland in den nächsten fünf Jahren zu einem Umsatzwachstum von insgesamt 11,3 Prozent beziehungsweise durchschnittlich 2,2 Prozent pro Jahr führen wird.
Erhebliche Umsatzzuwächse durch ICT-basierte Lösungen und Technologien stehen auch im tertiären Sektor in Aussicht, etwa in den Bereichen Handel und Vertrieb oder Bildung. Die ICT-Entscheider des Handels rechnen damit, dass der Umsatz in ihrer Branche in den kommenden fünf Jahren um insgesamt 21 Prozent anwachsen wird – das entspricht einem Jahreszuwachs von durchschnittlich 3,9 Prozent. Für fast die Hälfte dieses Umsatzwachstums werden aus Entscheidersicht ICT-basierte Lösungen und Technologien verantwortlich sein. Im Bildungssektor verhält es sich ähnlich: Hier erwarten die Entscheider, dass die ICT in den nächsten fünf Jahren einen Anstieg des Branchenumsatzes um insgesamt 7,6 Prozent möglich machen wird – dies entspricht in etwa einem Wachstumsbeitrag von jährlich 1,5 Prozent.
Die Studie zeigt ebenfalls, dass sich in Deutschland in den kommenden fünf Jahren durch ICT-basierte Lösungen und Technologien Kostensenkungen von bis zu 17 Prozent realisieren lassen. Grundsätzlich zeigen sich höhere Einsparungspotenziale im Dienstleistungsbereich als im produzierenden Gewerbe, mit anderen Worten: In Sektoren, in denen der „Humanfaktor“ und der Informationsaustausch zwischen Menschen besonders wichtig sind, gibt es größere Einsparpotenziale (siehe Abbildung 3-2).
ICT als Motor für Innovation und Wachstum
Die Software- und IT-Dienstleistungsbranche leistet nicht zuletzt deshalb einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Wirtschaft, weil ICT-Anwendungen in der Lage sind, bestehenden Technologien eine „intelligente“ Funktionalität hinzuzufügen. Auf diese Weise fördert die ICT – durch ihre starke Technologie- und Forschungsorientierung in sich selbst ohnehin eine eher innovative Branche – auch noch die Innovation in anderen Wirtschaftsbereichen. Die ICT kann also durchaus als Motor für Innovation und Wachstum bezeichnet werden: Mit der ihr eigenen Innovationskraft stimuliert sie die Wertschöpfung und Produktivität anderer Wirtschaftssektoren. Dieser Ansicht sind auch die im Rahmen der LIFE-Studie befragten ICT-Entscheider: Zwei Drittel von ihnen (64%) sind überzeugt davon, dass die ICT als Enabler neuer Geschäftsmodelle eine entscheidende Rolle für die Wirtschaft spielt (siehe Abbildung 3-3).
International messen ganze 91 Prozent der befragten IT-Anwender der Informations- und Kommunikationstechnologie eine sehr hohe oder hohe Bedeutung für die heutige Wirtschaft zu. In Deutschland sind es sogar rund 99 Prozent der IT-Anwender, die der ICT eine wichtige Rolle für die heutige Wirtschaft zusprechen. Die hohe Bedeutung der ICT für die Wirtschaft wird dabei nicht nur in den Unternehmen erkannt, sondern auch von den Konsumenten: 85 Prozent der im Rahmen der Studie befragten Konsumenten sind der Ansicht, dass die Informations- und Kommunikationstechnologien für die heutige Wirtschaft sehr große oder große Bedeutung haben.
4 BITKOM (2009)
5 Fraunhofer ISI (2010)
6 Fraunhofer ISI (2010)
7 Czernich, Nina / Falck, Oliver / Kretschmer, Tobias / Woessmann, Ludger (2009)



